LESEPROBEN AUS DEM ROMAN "AINOA"
von Marco Kalantari

Überfall auf Bischewanja

Das Jahr 2078.
Yuris Augen öffneten sich. Er sah eine kahle, braune, schäbige Wand, einen Uniformmantel und eine Offiziersmütze an einem Hacken, darüber eine freihängende Glühbirne, die nicht brannte. Es war dunkel. Das Kissen und die Bettdecke waren eiskalt. Es war ein unwirklicher Tag. Die Uhr zeigte zwei Uhr früh. Yuri war 29 Jahre alt. Seine feinen, manchmal fast schüchtern wirkenden Gesichtszüge wirkten wie ein Fremdkörper zwischen den tiefen Zeichen, die das Leben in der Armee in seinem Gesicht hinterlassen hatte. Die selbstbewusste Haltung seines Körpers wurde durch die Unsicherheit in seinen Augen auf seltsame Weise entschärft. Sein Atem gefrierte. Es hatte schon wieder geschneit. Xian Hud war ein vergessener, eiskalter Ort im Osten Sibiriens. Der kleine Militärstützpunkt war einer der letzten Ausleger des staatlichen Wirkungsbereichs, weiter nördlich begann das mächtige Hochland von Lakar mit den ehemals mächtigen Industriestandorten, die nun zu riesigen Geisterstädten geworden waren. Yuri richtete sich auf und blickte durch die Eisblumen im Fenster nach draußen. Auf dem Hof waren einige Rekruten im Licht der Scheinwerfer damit beschäftigt, den Schnee wegzuschaufeln. Ein Vorgesetzter stand daneben und überwachte die jungen Männer. Yuri hatte gerade geträumt. Er hat ein Mädchen in silberner Gestalt vor sich gesehen. Er hat sie angelächelt, sie aber hat sein Lächeln nicht erwidert. Als er versucht hat sie zu berühren, ist sie in tausend Teile zersprungen. Er wollte nach ihr greifen, versuchte, sie zusammenzuhalten, aber die Splitter waren zu klein. So real hatte Yuri immer noch das Auftreffen der Splitter am Boden im Ohr. Ein tausendfaches metallisches Klirren wie ein Schrei. Yuri starrte durch die Eisblumen hinüber zu dem Vorgesetzten, der gerade von den jungen Männern unbemerkt einen Schluck aus seinem Flachmann nahm. Jetzt fiel ihm der Name ein. Ein Unteroffizier namens Kowalsky. Er hatte sich Yuri gestern vorgestellt. Einer von diesen Schweinen, die vor den Offizieren auf den Knien rutschten und die jungen Burschen in den Verhörzimmern vergewaltigten. Was war heute für ein Wochentag? Es musste sehr kalt sein draußen. Yuri hatte das Gefühl, aus einem ewig langen Traum erwacht zu sein. Er hatte ein seltsames Gefühl. Als ob es die Mission und das Mädchen gar nicht gab. Als ob es nur ein Traum war, aus dem er jetzt erwacht war. Konnte das sein. Oder war es doch wahr? Alles schien so friedlich da draußen. Eigentlich schön. Der Moment könnte ewig währen. Immer mehr Gedanken, Erinnerungen und Tatsachen strömten in seinen Kopf, bis seine Illusion schließlich entschwunden war. Er rappelte sich hoch und zog seine Uniform an. Heute würde es passieren. Heute würde er seine Bestimmung erfüllen. Oder... Oder heute wäre der Tag, an dem er sterben sollte. Yuri dachte kurz darüber nach und kam in unscharfen Gedanken zu dem Schluss, dass ihm das nichts ausmachen würde. Egal ob so oder so, vor ihm lag ein großes Mysterium. Ein Vakuum. Nichts. Keine Wünsche, keine Hoffnungen, keine Pläne. Eigentlich war sein Ziel erreicht. Zumindest der Teil des Ziels, den er hatte beeinflussen können. Doch irgendetwas... Irgendetwas war da noch... Seine halbschlafenen Gedanken verloren sich in irgendwelchen unscharfen Bildern. Yuri nahm seine Waffe aus dem Schrank und steckte sie an den Gürtel. Er wusste er würde die Waffe heute benutzen. Es machte ihm nichts aus, dachte er. Er hatte noch nie einen Menschen getötet - die anderen Missionare hatten viele Menschen im Lauf der Jahre umgebracht, die der Sache im Weg standen - er war in der Armee aber nie in die Situation gekommen. Eigenartig war es schon.
Yuri war offiziell in Xian Hud, um eine Kontrolle der Angestellten des Bischewanja - Gefängnisses und deren sozialer Peripherie durchzuführen. Die Familienangehörigen, die Verwandten, die Freunde. Auf diese Weise versucht man Infiltrationsversuche des Gegners zu verhindern. Yuri fragte sich oft, vor welchem Gegner man eigentlich noch Angst hatte. Aber nach 65 Jahren Krieg wollte keiner glauben, dass es keinen Gegner mehr gab, den man fürchten konnte. Er hatte die Kontrolluntersuchung selbst angeordnet, nachdem die Mission schein halber einen anonymen Hinweis über eine mögliche Schwachstelle bei der staatlichen Sicherheit eingereicht hatte. Er hatte sich der Sache gleich "persönlich" angenommen und sich Pavel als Adjutanten zuweisen lassen, mit der Begründung, er kenne ihn noch aus der Ausbildungszeit an der Akademie. Pavel war in einer Einheit in der Nähe von Xian Hud stationiert und ebenfalls in der inneren Sicherheit tätig. So hatten sich die Wege der beiden Freunde nach vier Jahren wieder getroffen. Es war schwer, den Pavel nach so langer Zeit am Hof der Kaserne zu treffen und ihm nicht sofort mit Tränen der Freude in den Augen um den Hals zu fallen. Das Gefühl, ihn wieder in seiner Nähe zu haben, war unbeschreiblich. Yuri hatte zum ersten Mal seit langem wieder so etwas wie Geborgenheit empfunden. Die Satellitenbilder hatten mit Eintreten des 28. Dezembers 2078 um genau 01:17:01 einen deutlichen Anstieg des Wertes an thermonuklearer Strahlung im Bereich des Gefängnisses angezeigt. Yuri wusste, dass, sollte jemand von der Mission und ihrem Plan wissen, man ihnen in Bischewanja leicht eine Falle stellen könnte. Die Möglichkeit bestand. Trotzdem hatte Yuri ein gutes Gefühl. Er spürte, dass er in der Nähe des Mädchens war. Er spürte, dass er ihr heute in die Augen schauen würde. Die Spannung war kaum erträglich.
Yuris Geist hatte sich nun voll entfaltet. Kei... Plötzlich leuchtete in einem schwarzen, leeren Himmel ein einzelner Stern. Yuri versuchte, die Bilder zu verjagen. Er wollte nicht, dass Kei wiederkam. Er hatte den Schmerz doch irgendwie unter so vielen Tränen vertrieben. Jetzt sollte sie wieder da sein. Das war ungerecht. Er versuchte mit aller Kraft, seine Gedanken zu kontrollieren. Von allen Tagen seines Lebens brauchte er heute am allermeisten einen klaren Kopf. Er nahm sein Feuerzeug, sein Gebetsbuch und den Rosenkranz vom Tisch und steckte die Gegenstände sorgfältig in seine Taschen. Alles, was er für den heutigen Tag brauchte, jedes Kleidungsstück, jedes Detail hatte er mit Sorgfalt ausgesucht und vorbereitet. Schon allein das machte ihn nervös. Auf keinen Fall etwas vergessen. Kei. Warum... Das konnte doch nicht sein. Ein vom Vortag aufgespartes Brötchen in Toc-Folie war Yuris Frühstück. Er versuchte, sich Zeit zu lassen, aber sein Herzschlag drängte ihn nach draußen. Der Hals war staubtrocken. Er zog seinen schweren Mantel an, der die Insignien eines Majors der NHK trug, des militärischen Geheimdienstes, das verhasste Kontroll- und Terrorinstrument des autoritären Regimes. Dann verließ er sein Zimmer. Am Gang war alles ruhig. Yuri hörte leise das Schnarchen einiger anderer Offiziere. Unten in der großen Halle wartete Pavel. Er sah ziemlich fertig aus. Er salutierte, Yuri erwiderte, fragte ihn kalt, ob alles in Ordnung sei. Pavel schaute ihm tief in die Augen und bejahte. Die Blicke der beiden Freunde blieben noch einen Moment lang aneinander haften. Und beide Blicke sagten: "Ich habe Angst." So wie damals, als sie im Bunker in das Vorratslager eingebrochen waren. Dieselben kleinen Jungen, die das große Wagnis eingingen. Yuri und Pavel verließen die Halle und gingen mit entschiedenem Schritt nach draußen in die Kälte. Die Schneeflocken sanken auf Yuris Mantel. Er stapfte hinter Pavel her durch den Schnee zum Wagen. Der Unteroffizier sah die beiden Offiziere überrascht an. Yuri blieb kurz stehen und starrte eiskalt zu der Schnee schaufelnden Gruppe hinüber. Der Unteroffizier bekam es sofort mit der Angst zu tun und salutierte, wandte sich dann ab und schimpfte sofort mit seinen armen Opfern. Yuri ging weiter, stieg am Beifahrersitz des Jeeps ein. Pavel startete den Wagen. Im Wagen war es kälter als draußen. Pavel fuhr den Wagen zur kaserneneigenen Zapfsäule, stieg nochmals aus um den Wagen zu tanken. Hätte er das nicht schon vorher tun können, dachte Yuri. Nein, eigentlich nicht. Es hätte jemandem auffallen können. Pavel wusste schon, was er tat. Yuri fühlte sich seinem Freund einen Moment lang in unangenehmer Weise überlegen. Sein ganzes Leben lang war Pavel ihm gefolgt. Yuri war immer derjenige, der die Führerrolle innehatte, und Pavel hatte sich untergeordnet. Ohne ein Bedauern darüber. Aus einer völligen Selbstverständlichkeit heraus. Und nun saß Yuri im Wagen und Pavel war draußen in der Kälte und tankte. Yuri überlegte, ob sein Freund jemals das Gefühl gehabt hatte, ihm gleichwertig zu sein. Er fühlte sich schlecht bei dem Gedanken. Im selben Moment sprang Pavel wieder in den Wagen und startete den Motor. Yuri sagte völlig unmotiviert: "Danke" zu ihm. Pavel sah ihn kurz unverständig an, konzentrierte sich dann auf den Weg hinaus aus der Kaserne. Yuri dachte, er würde jetzt so gerne seine Gedanken mit seinem Freund teilen. Es wäre aber wohl der schlechteste Moment in einem ganzen Leben. Der Wagen hatte die Kaserne verlassen.

Das Bischewanja-Gefängnis befand sich hoch oben in den Bergen. Der Weg dorthin war nur mit einem Spezialfahrzeug bewältigbar. Der Panzer wartete in einem kleinen Ort namens Lok am Fuß der Passstraße. Die anderen Missionare sollten, wenn alles wie geplant klappen würde, die Nacht oben am Berg in der Nähe des Gefängnisses in Biwaks verbracht haben. Die Sicht war sehr schlecht. Draußen war es stockdunkel. Von Zeit zu Zeit beleuchtete eine Straßenlaterne die entlang des Weges stehenden ärmlichen Wohnhäuser. Im Licht der Laternen waren die dichten Schneeflocken zu sehen. Pavel schaltete die Heizung des Wagens ein. Endlich. Ein dünner, warmer Luftstrom zog aus der Öffnung. Keiner traute sich ein Wort zu sagen. So als könnte sie jemand hören. Hinter ihnen wurde die letzte Laterne der Stadt von der Dunkelheit verschluckt.
Nach einer Stunde Fahrt erreichte der Jeep das Dorf Lok. Der Panzer stand abseits des Weges, umgeben von mehreren dunkel gekleideten Gestalten mit Atemschutzmasken. Pavel brachte den Jeep hinter dem Panzer zu stehen. Eine der Gestalten blickte durch die Scheibe in das Innere des Fahrzeugs. Pavel drückte eine ID gegen das Glas. Die Gestalt verschwand wieder, die anderen begannen, eine transparente Kunststoffschleuse zwischen dem Jeep und den hinteren Einstiegsluken des Panzers aufzubauen. Eine jener zur Sinnlosigkeit verkommenen Techniken, die erfunden waren um Menschen vor der Strahlung zu schützen. Lok war ein Ort mit besonders hohen Strahlungswerten. Obwohl Xian Hud in der Nähe lag, war der Unterschied der Belastung doch beträchtlich. Da sich Lok in einem tiefen Talkessel befand, war die Streuwirkung der kleinen PVA-Rakete, die hier eingeschlagen hatte, gering.
Keiner konnte sich vor den Strahlen retten. Sie krochen durch jede Ritze, durch jeden Spalt, sie waren im Wasser, in der Luft, im Boden, im Essen, in den Menschen. Jeder war verstrahlt, die Bewohner der Städte und die Bevölkerung der unendlichen Hochländer und Einöden, die Frage war nur, in welchem Grad. Die privilegierten Schichten der Bevölkerung, zu denen Offiziere des Geheimdienstes zweifellos zählten, wurden geschützt und hatten entsprechend geringere Strahlenwerte, gerade so viel, dass sie durch Einnahme von Spezialmedikamenten die Folgeerscheinungen unter Kontrolle halten konnten. Für den Rest der Menschen gab es nur ein Leben mit der Tortur der Strahlung.
Yuri und Pavel stiegen durch die Schleuse hinüber in den Panzer. Es dauerte ein paar Minuten, bis sich das Ungetüm in Bewegung setzte. Dann schlich das Gefährt in einer stockdunklen, mächtigen Berglandschaft wie ein kleiner Punkt die Passstraße hinauf.

Yuris Augen spähten verloren durch die winzige Luke, die über ein Periskop einen Blick nach draußen erlaubte. Am finsteren Horizont schimmerten vereinzelt Irrlichter, so als würden sie entlang des Weges im Spalier stehen. Die Panzer des Typs Prisjor waren nicht sehr geräumig und äußerst unbequem. Die Luft im Innenraum war von den Abgasen stickig, und die Besatzungen öffneten manchmal während der Fahrt verbotener Weise die hinteren Einstiegsluken, um lieber höhere Strahlenwerte zu riskieren als zu ersticken. Yuris Hände hielten zitternd den Rosenkranz, die von der Kälte im Panzer steifen Finger schoben Kugel für Kugel voran. Pavel saß neben Yuri. Er warf einen verstohlenen Blick nach vorne zum Fahrer des Panzers, schob dann ganz unauffällig seine Hand hinüber zu Yuris Händen und drückte mit der Faust gegen Yuris zitternde Finger. Ein kurzer Blickkontakt, Yuri riss sich zusammen, steckte den Rosenkranz ein und griff nach der kleinen, metallenen Teekanne. Seine Augen schienen ins Innere seines Kopfes gerichtet.

Seine Gedanken verloren sich wieder. Sie flogen davon, besuchten seine Mutter, die ihn streichelte, den Bunker, Anathol, seinen Vater, die anderen Missionare. Und seine Schwester Kei. In seinem Traum lächelte sie ihn an. Sie sprach seinen Namen aus, schenkte ihm eine gefaltete Blume. Er umarmte sie.

Die unruhige Fahrt des Panzers riss Yuri aus seinem Traum. Er wusste nicht, ob er geschlafen hatte oder nur in seinen Gedanken unterwegs gewesen war. Er sah auf seine Uhr. Es konnte nicht mehr weit sein.

Der kleine Menschenhaufen inmitten der steilen Felslandschaft war in der Dunkelheit mit freiem Auge nicht erkennbar. Die 20 schwer vermummten Männer und Frauen drängten sich aneinander, bedeckt durch schwarze Zeltplanen. Sie drückten ihre in Stoffreste eingewickelten Waffen an sich, um sie vor dem Frost zu schützen und versuchten sich gegenseitig vor dem Einschlafen zu bewahren. Ihre Gesichter waren angespannt und unruhig, die Körper zitterten vor Kälte und Angst. Keiner sprach ein Wort, nur der Wind war zu hören, der den Schnee über die Gratkante hob und die kleine Gruppe langsam zudeckte.
Anathol betrachtete seine Leute. Er hatte seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen, konnte nur durch einen schmalen Spalt vor sich sehen. Jede Bewegung des Kopfes tat weh. Er rieb die Finger seiner linken Hand aneinander, damit sie nicht am Lauf seiner Waffe anfroren. Sein Gesicht war durchgraben von den vergangenen Jahren, sein Körper war kräftig aber durch das Leben auf der Flucht angeschlagen. Er hatte die treuen Augen eines Hundes, seine Mundwinkel hatten schon lange kein richtiges Lachen mehr erlebt. Anathol schob mit seinen Fingern langsam seinen Jackenärmel zurück, sah mit einiger Mühe auf seine Uhr. Er hielt einen Moment lang inne, dann erhob er sich plötzlich aus seiner Sitzposition. Die anderen Missionare hoben die Köpfe. Sie begannen sich zu bewegen, schulterten ihre Rucksäcke und stellten sich in einer Kette zum Abmarsch bereit auf. Anathol wischte sich den Schnee aus dem Gesicht. Er zählte seine Kameraden durch, warf noch einmal einen Blick auf den Lagerplatz, ob etwas vergessen worden wäre. Dann reihte er sich als Dritter in die Menschenkette ein und nickte dem vordersten Missionar zu. Die Kolonne setzte sich langsam in Bewegung und stieg über das Eisfeld den Berg hinauf.

Das Bischewanja Gefängnis war größer und furchteinflössender als Yuri es sich vorgestellt hatte. Eine Ansammlung von mehreren Betontürmen, die im dunklen sibirischen Himmel verschwanden. Suchscheinwerfer bestrichen das Gelände, Hunde bellten, Kommandos wurden durch Lautsprecher gebrüllt. Die schwer verseuchte Luft knisterte an der Oberfläche des Panzers. Rund um den äußeren Zaun waren die Felder mit hunderten improvisierten Gräbern übersäht, vereinzelt sah man kleine Gruppen von Häftlingen, die andere begruben. Das Gefängnis war ein nukleares Kraftwerk und produzierte den gesamten Energiebedarf der Region. Die hochgefährliche Arbeit wurden von den Häftlingen verrichtet, die meisten waren Opfer des menschenverachtenden Kriegsgefangenenprogramms. Bischewanja hatte über 6500 Inhaftierte, doppelt so viele männliche wie weibliche. Die Zahl veränderte sich ständig, die Zahl der Ausfälle war enorm, ebenso die Zahl derer, die monatlich nach Bischewanja deportiert wurden.
Yuri war in der Hölle angekommen. Sein Herz schlug bis zum Hals. Sollte der Plan scheitern, dann würde er den Rest seines Lebens hier verbringen. Der Panzer fuhr durch eine Betonrinne in einen unterirdischen Tunnel, vorbei an mehreren Wachposten und Geschützen. Der Tunnel war lang und an den Seiten durch Neonstreifen beleuchtet. Das Gefährt wurde an einer Sperre angehalten. Es herrschte reges Treiben. Yuri und Pavel saßen im Panzer ohne zu wissen, was draußen vor sich ging. Sie hörten Stimmen und die Geräusche anderer Fahrzeuge. Scheinbar war es an der inneren Sperre zu einem Stau gekommen. Plötzlich wurden die hinteren Luken des Panzers aufgerissen, mehrere Soldaten mit schwerem Atemschutzgerät richteten ihre Waffen in das Innere des Fahrzeugs. Sie näherten sich wie aggressive Insekten kurz vor einem gemeinsamen Angriff. Pavel streckte sofort seine ID in Richtung der Wachen, nannte die Codenummer und erklärte knapp, dass es sich um eine von der NHK autorisierte Systeminspektion handelte. Einer der Wachen beugte sich zur ID-Karte hin, murmelte dann die Codenummer und die Namen der beiden Offiziere in sein kleines Mikrophon. Sekunden verstrichen. Yuri merkte, dass sich Schweißperlen am Rand seiner Kappe lösten. Er zwang sich dazu, einen eisernen Blick in die Masken der Wachen zu richten. Die Rückmeldung knisterte im Kopfhörer des Wachmannes. Er salutierte und meinte, es sei eine Ehre, den Herrn Major in Bischewanja begrüßen zu dürfen. Dann wurden die Luken geschlossen und das Panzerfahrzeug wurde von einem Lotsen weiter in den Bauch des Gefängnisses geführt.

Das Gesicht des Gefängniskommandanten war breit und von seinem maßlosen Leben aufgeschwemmt. Er hatte kleine Augen, dicke Lippen, war nicht sehr groß und sah in seiner Offiziersuniform nicht sonderlich gut aus. Sein dicker Bauch war ihm peinlich, deshalb trug er seinen Mantel immer über die Schultern gehängt, um seine Statur vorteilhafter vorzuführen. Er legte großen Wert auf die Reinlichkeit seines Körpers, hatte aber ein ständiges Problem, weil seine Zähne an der überdurchschnittlich strahlungsverseuchten Luft immer wieder zu faulen begannen. Deshalb hielt er seinen Mund gerne geschlossen oder wandte sich beim Sprechen ab.
Er war krank und in seinem Inneren bösartig. Es war seine Natur. Seine Planlosigkeit und Brutalität war ihm vermutlich gar nicht bewusst. Seine Sinne waren taub, er war der König in einem kleinen Königreich, es gab keine andere Meinung als die seine und in dieser völlig uneingeschränkten und unkontrollierten Macht war ihm der Bezug zur Realität gänzlich verloren gegangen. Er regierte den furchtbarsten Ort des Landes wie ein Kinderspielzimmer. Von Bischewanja kam kein Häftling jemals lebend zurück.
Der Besuch der beiden NHK Majore machte ihn ungehalten. Sie verdarben ihm den Spaß. Er hatte ganz vergessen, dass die hohe Visitation aus Moskau heute ankam. Er war nicht vorbereitet. Eine unkomfortable Situation und geradezu eine Attacke auf sein kleines Reich.

Der Gefängniskommandant führte die beiden Fremden durch die Maschinenhalle des Kraftwerks. Yuri und Pavel folgten der merkwürdigen Gestalt, eskortiert von zwei Wachen des Gefängnisses. Der Kommandant ging einen für seinen Körperbau ungewöhnlich schnellen Schritt. Er wollte die Angelegenheit hinter sich bringen. Er sprach über die Statistik seiner Inhaftierten und mühte sich um etwas Smalltalk, den er nicht gewohnt war. "Waren sie schon einmal in Bischewanja?" Yuri verneinte. Der Kommandant stocherte weiter. "Untersuchungen wie die ihre kommen hier nicht vor." Er verspürte Lust darauf, seine Gäste zu provozieren. "Vielleicht wird es ja Zeit" meinte Yuri knapp. "Wir dienen dem Staat, mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln." Der Kommandant genoss verzückt die plumpe Doppeldeutigkeit seines Satzes. "Wir auch." antwortete Yuri.

Die Missionare hatten den äußeren Zaun des Gefängnisses erreicht. Der Zaun begrenzte das Hochplateau, auf dem sich das Kraftwerk befand, dahinter führte eine scharfe Felskante steil hinunter in den Abgrund. Drei Stunden hatten die Missionare gebraucht um die vereiste Steilwand hochzuklettern. Sie sammelten sich oben am schräg über die Felskante ragenden Zaun, hängten sich dabei mit Karabinern in die Metallmaschen. Die ersten beiden schnitten mit Zangen ein Loch in das Drahtgeflecht, dann schlüpfte einer nach dem anderen durch den Zaun. Die vor ihnen liegende Fläche war hell beleuchtet. Dahinter hoben sich die Konturen einiger riesiger Öltanks vom Nachthimmel ab. Anathol wartete, bis alle Frauen und Männer durch das Loch waren, dann gab er ein Handzeichen, die gesamte Gruppe sprang hoch und rannte gebückt über das beleuchtete Betonfeld. Die Lungen der Missionare pumpten die scharfe Luft, nach zirka 300 Metern erreichte die gesamte Gruppe ohne Nachzügler den ersten Öltank. Dort sammelten sich die Missionare, warfen sich zu einem nach Atem ringenden Haufen zusammen. Anathol war hoch angespannt. Er riss die Missionare am Gewand, um sie noch näher beisammen zu halten. Der gefrorene Atem der 20 keuchenden Gestalten stieg rasch auf und bildete eine verräterische Wolke über dem Sammelplatz. Anathol blickte nach vorne. Das duster beleuchtete Kesselhaus des Kraftwerks erhob sich in zirka 500 Metern Entfernung aus den umliegenden Betonblöcken. Davor war ein großes Becken, in dem dutzende Öltanks standen, die Reserven für einen Ausfall der nuklearen Brennleistung. Das Becken war in der Mitte durch einen quer verlaufenden Betonsteg geteilt. Auf der anderen Seite des Stegs führte nach etwa hundert Metern der Beckenrand steil hinauf zum Kraftwerk. Der Weg schien frei. Anathol hatte mehrere Hindernisse erwartet. Sein Blick wanderte den Steg und den Rand des Beckens ab. Niemand war zu sehen. Das Becken befand sich auf der Rückseite des Kraftwerkkomplexes, die Geschütztürme befanden sich am Hauptportal. Das computergestützte Verteidigungssystem des Gefängnisses war auf einen Angriff mit schweren Waffen zu Lande oder aus der Luft konzipiert. Das Kontingent an Wachpersonal und Soldaten war verhältnismäßig gering.
Ein letzter Kontrollblick zu seinen ihn anstarrenden Kameraden, dann gab Anathol das nächste Zeichen zum Aufbruch. Die Gruppe mühte sich noch einmal hoch und rannte in einer traubenartigen Formation vorbei an den Tanks über die dunkle Fläche. Anathol rannte so schnell er konnte. Er versuchte, im Laufen die Oberkanten der Tanks im Auge zu behalten. Vor ihm ereichten die ersten Missionare den Betonsteg. Sie gingen aus dem Lauf heraus hinter den Betonstehern in Stellung, die zweite Reihe rannte an ihnen vorbei, lief unter dem Steg durch und hinaus auf die Fläche zwischen Steg und Kraftwerk. Nach wenigen Metern zuckten die Missionare unter einem ohrenbetäubenden Krachen zusammen, mehrere Suchscheinwerfer schnitten plötzlich durch die überraschten Männer und Frauen, wenige Augenblicke später wurden die ersten von strahlend weißem MG Feuer niedergemäht. Mit einem Schlag war die gesamte Fläche hell erleuchtet, rund herum gingen Sirenen los. Völliges Chaos brach aus. Anathol brüllte vor Wut, trieb die Missionare zurück hinter den Steg. Zwei angeschossene Männer lagen auf der freien Betonfläche und schrien wie am Spieß, Anathol riss seine Leute hinunter in die Deckung. "Lasst sie liegen! Lasst sie liegen verdammt!" Neben ihm wurde ein Teil der Betonstütze von einem Projektileinschlag weggerissen. Innerhalb kurzer Zeit füllte sich das Becken mit Rauch. Die Missionare drängten sich hinter die schmalen Stützpfeiler, leisteten kaum Widerstand. Sie waren völlig überrascht worden.

Der Hochsicherheitstrakt war ein riesiger, dunkler Betonschacht, der unten nach zirka hundert Metern im Schwarz verschwand. Die kleine Gruppe betrat den Trakt von oben über eine Wendeltreppe, die zu einer kleinen Plattform führte. Die Plattform befand sich gerade noch im Licht und schwebte über dem dunklen Abgrund. Die Luft war schwer und kalt. Yuris Herz klopfte. Er schritt langsam über den Eisensteg, sein Blick war nach unten ins Nichts fixiert. Er konnte sie spüren. Sie war in der Nähe. "Da ist ihr Häftling. Beugen sie sich nicht über das Geländer." Die mäßig laut gesprochenen Worte des Gefängniskommandanten hallten mehrfach durch den Schacht. Im selben Moment ging 80 Meter weiter unten am Boden des Abgrunds ein heller Lichterkreis an, in dessen Mitte sich ein kleines strahlendes Plateau befand. Auf diesem Plateau stand eine Gestalt, die Hände erhoben an einer Stange gefesselt, die mit einem Ring am Hals befestigt war. Ihre Augen schienen zugeklebt. Sie wurde vom weißen Licht des Kreises überstrahlt und war schwer zu erkennen... Sie war es. Yuri war an seinem Ziel angelangt. Dieses kleine Geschöpf dort unten hatte drei Generationen in Atem gehalten. Doch noch war er nicht bei ihr. "Scheint nicht ganz das zu sein, was sie sich vorgestellt haben..." ätzte der Gefängniskommandant gelangweilt und streifte sich seine Lederhandschuhe über. Yuri blickte beiläufig zu dem Mann hinüber, Pavel merkte Yuris Aufmerksamkeit und bewegte sich einen Schritt zurück, um Yuris rechter Hand Bewegungsfreiheit zu geben, späte aus dem Augenwinkel auf die Wache, die schräg hinter ihm stand. Im selben Moment ertönte ein kleiner Piepton, der Gefängniskommandant nahm seinen Kommunikator hoch und wurde beim Ablesen der Anzeige nervös. "Schon wieder Alarm... Sagen sie Major Victor Ver..." Das erste Projektil traf die Wache neben dem Gefängniskommandanten. Der Mann wurde von der Wucht des Treffers blitzschnell nach hinten geknickt und im selben Moment zurück gegen die Wendeltreppe geschleudert. Gleichzeitig riss der direkte Brusttreffer aus Pavels Handfeuerwaffe die zweite Wache gegen das Metallgeländer, der Mann hatte nicht einmal mehr Zeit, nach seiner Waffe zu greifen, diese löste sich im Moment seines Aufschlags aus dem Holster, fiel hinunter in den Schacht und zersprang unten am Betonboden in tausend Teile. Eine halbe Sekunde später riss Yuri seine Waffe aus der Richtung der ersten Wache nach rechts in das fassungslos starrende Gesicht des Gefängniskommandanten, der im Moment von Yuris Handbewegung so auswich, dass der Schuss ihn an der linken Schulter traf. Während er herumwirbelte traf ihn ein zweites Projektil direkt am Hals, er fiel zu Boden wie ein Stück Blei. Die Schüsse hallten ewig nach. Yuri schnappte nach Luft. Er riss den Blick hinüber zu Pavel. Pavel war blau vor Adrenalin. Er schaute hastig um sich, die Augen der beiden Männer trafen sich. Sofort drehte Yuri den Kopf hinüber zum Schacht und beugte sich über das Geländer, um besser nach unten zu sehen. Die Gestalt stand immer noch bewegungslos unten in dem Lichterkreis.

Der Funkenregen fiel wie Schnee herunter auf die durcheinander brüllenden Missionare. Immer mehr Teile des Stegs wurden durch die Einschüsse des Abwehrfeuers zerfetzt, immer wieder wurden einzelne Missionare durch die einschlagenden superschnellen Wog-Projektile aus den Reihen gerissen. Anathols kleine Streitmacht wurde von Sekunde zu Sekunde schwächer. Er hatte den Überblick verloren. Die Missionare links und rechts neben ihm drängten ihn zum Ausbruch. Seine Gedanken liefen davon. Er wollte sie halten, rief ihnen nach, doch sie hörten nicht auf ihn, und so musste er ihnen folgen. Sie eilten zurück in die Zeit nach dem Ausstieg aus dem Bunker. All die Hoffnung, die sie durch diese harte Zeit getragen hatte, schien einen Moment lang in sich gekehrt. Was war, wenn das das Ende bedeuten sollte. Drei Generationen Mühe und Hoffnung in einem Moment verschanzt hinter ein paar Betonstehern. Anathol wollte dorthin zurück, in den Kampf. Er riss seine Gedanken gewaltsam mit sich, zerrte sie hinter sich her zurück in die Realität. Er wollte kämpfen. Er wollte all seine Gedanken fokussieren, um seinen Traum aus dieser Falle zu befreien.
"Sperrfeuer! Ausbruch!" Anathols Kommando übertönte das dröhnende Feindfeuer. Im selben Moment sprangen die Missionare wie vom Blitz getroffen hoch, stolperten über den nassen Boden unter dem Steg durch und fächerten sich unter ohrenbetäubendem Kampfgeschrei zum Sturm über die Betonfläche auf. Die Missionare rannten, so schnell ihre Beine sie tragen konnten. Sie sprangen durch Hunderte von Funken, die die am Beton aufschlagenden Projektile hochschleuderten. Immer wieder wurden einzelne von ihnen von direkten Treffern aus dem Lauf heraus mehrere Meter weit zurückgeschleudert. Vorne tauchte aus dem Dunst der Rand des Beckens auf. Die ersten Missionare warfen im Hochlaufen Sprengladungen den Wall hoch, die Detonationen rissen die Körper der Verteidiger über die hochstürmenden Angreifer hinweg. Ein Gebrüll aus Schmerz und Wut hallte von den vor dem Blutbad hinauf ins Dunkel flüchtenden Betonwänden des Kraftwerks wieder.

Yuri und Pavel warteten. Sie hörten ein leises Tropfen, Wasser, das oben an der Decke durch die Ritzen trat und hundert Meter weiter unten am Boden aufschlug. Sonst war es ruhig. Yuri hielt den Blick nach unten in den Schacht auf die kleine Gestalt gerichtet. Pavel sah auf die Uhr. Langsam wurden die beiden Männer nervös.

Die Suchscheinwerfer blitzten durch das wilde Getümmel durcheinander laufender Gestalten, die Missionare überrannten den Wall so schnell, dass die Verteidiger ihre Stellungen in Panik verließen. Gekämpft wurde mit Schusswaffen, Schwertern und mit den bloßen Händen, die Missionare rissen alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellte. Anathol führte seinen Trupp den zweiten Wall hinauf zum Kraftwerksgebäude. Zwei Missionarinnen mit größeren Taschen überholten ihn und liefen unter Feuerschutz ihrer Kameraden hinauf zum hinteren Eingangsportal, das durch ein großes Metallschott verschlossen war. Die beiden jungen Frauen hasteten die letzten Meter geduckt hinüber zum Schott, nahmen in schnellen aber bedachten Handbewegungen Qum - Sprengsätze aus ihren Beuteln und montierten diese mit Magneten am Schott, wobei die eine Missionarin die andere blitzartig hochhob, um die erste Landung in der Mitte des Tors platzieren zu können. Die zweite Ladung wurde an der Unterkante des Tors angesetzt. Im selben Moment stürzten beide hoch, rannten brüllend zurück, sprangen über die Kante des Walls, gleichzeitig warfen sich alle Missionare bergauf auf den Boden. Drei Sekunden lang verstummten die Schreie, dann ein kurzer Moment, in dem gar nichts zu hören war, so laut presste die Explosion das Schott aus der Wand, die Druckwelle riss die Missionare gegen den Beton, das Blut schoss ihnen in den Kopf, der Widerhall, der von den Öltanks zurückkam war ohrenbetäubend. Anathols erstes Kommando zum Sturm wurden von niemandem gehört. Benommen rappelten sich die Missionare hoch und folgten taub ihrem Anführer den Wall hinauf. Langsam kam das Heulen der Sirenen zurück in die Wahrnehmung der Männer und Frauen. Das Schott war nicht mehr da. Die Detonation hatte die gesamte untere Front des Portalgebäudes weggerissen. Die Missionare hatten Mühe, den riesigen Schutthaufen zu überqueren, um in das Innere des Gebäudes vorzustoßen.

Die Detonation des Schotts war das Erste, was Yuri und Pavel von draußen mitbekamen. Die Wucht der Explosion hatte auch im Hochsicherheitstrakt die Wände zittern lassen. Wieder vergingen Minuten, die wie Tage schienen. Plötzlich wirbelte Yuri herum, oben an der Decke des Schachtes ging eine Türe auf, Schüsse fielen, dann tauchten die ersten dunklen Gestalten oben auf der Wendeltreppe auf. Nach wenigen Sekunden erkannte Yuri, dass es die Missionare waren. Sein Herz atmete auf. Die Schritte der Missionare auf den Metallstufen füllten den Schacht mit Lärm. Anathol war unten am Steg angekommen. Die beiden Männer hatten sich eineinhalb Jahre nicht gesehen. Trotzdem trat die Emotionalität der Begegnung in keinem Moment an die Oberfläche. Anathols Gesicht war blutig. Er blickt Yuri an, als hätte er ihn vor wenigen Stunden das letzte Mal gesehen. Er rang nach Atem und schaute sofort hinunter in den Schacht. Ein seltsamer, weicher Stich fuhr durch seinen Kopf als er realisierte, dass er sein Ziel erreicht hatte. Er gab ein Handzeichen, die erschöpften Missionare begannen hastig ihre Rucksäcke zu öffnen und Seile und Gurte auszupacken. Drei männliche Missionare bereiteten sich für den Abstieg vor, die anderen schossen Befestigungshaken in den Beton und verankerten Umlenkrollen am Geländer.
Yuri wandte sich ab. Er war mit dem Kopf wieder unten in der hellen Fläche im Schacht. Fragmente von Gedanken sprangen ungeordnet durch seinen Kopf. Mit einem Mal sah er den Teufel vor sich. Die kleine Gestalt, die in dem Hochsicherheitstrakt festgehalten wurde, wie ein Botschafter des Bösen, das man einsperren wollte, um die Welt vor ihm zu schützen. Wäre sie nicht, dann würden Milliarden von Menschen noch am Leben sein. Yuri fühlte einen kalten Hauch von unten zu ihm heraufsteigen, er fuhr direkt in sein Herz. Es durfte nicht sein. Es musste verhindert werden. Irgendetwas musste passieren. Und er musste es tun. Was war sein Leben eigentlich? Wann hatte er denn seine Aufgabe jemals erfüllt? Seit er hören konnte wurde ihm eingebläut, dass er der Messias sei. Derjenige, der die Welt rettet. Was hatte er schon getan. Er war anderen hinterhergelaufen, seinem Vater, Anathol, Jewgenji. Er fühlte sich passiv und machtlos. Hatte er geschlafen? Sollte er jetzt auf seine Gefühle vertrauen? Wann sonst? Keiner wusste, was Anathol mit ihr vorhatte. Vielleicht gab es gar keinen Plan. Vielleicht war der Plan, dass Yuri nun eine Entscheidung treffen sollte. Seine Stirn brannte. Sein Blick wurde im überstrahlenden Weiß des Podestes, auf dem das Wesen stand, unscharf. Yuri zog seine Waffe. Er richtete sie nach unten auf die kleine, regungslose Gestalt. Es war eine Befreiung. Yuri wurde fast freudig. "Tun wir es!" rief Yuri. "Was tun wir?" Anathol war völlig überrascht. Diese Situation war das Letzte, womit er gerechnet hatte. Der Kreis der Missionare hörte augenblicklich auf, den Abstieg vorzubereiten, alle Augen waren auf Yuri gerichtet. "Lass es uns tun! Hier und jetzt!" Yuri merkte, dass sein Vorstoß keinerlei Begeisterung auslöste. Er kam ins Wanken. Er hatte den Überblick verloren. "Das ist nicht unser Plan, Yuri." "Vielleicht sagst du uns mal, was der Plan ist! Warum ein Risiko eingehen. Wenn sie tot ist, ist alles vorbei!" Yuri flüchtete sich in die Wut. Er merkte, wie ihm der Boden unter den Füßen davon sank. Einige Missionare hoben ihre Waffen auf Yuri. Anathol versuchte ruhig zu bleiben. "Das weißt du nicht!" In Yuris Kopf krampfte sich alles zusammen. Er hatte verloren. Sein erbärmlicher, kleiner Vorstoß gegen die großen Gesetze des Schicksals war im allerersten Ansatz gescheitert und war im selben Augenblick für ihn selber nicht mehr nachvollziehbar geworden. "Du weißt es nicht, Yuri. Beruhig' dich und schau mich an. Wir halten uns an die Prophezeiung." Yuri starrte immer noch nach unten, die Waffe auf die Gestalt gerichtet. Er wagte nicht, Anathol anzusehen. Einmal wollte er sich noch aufbäumen. "Wer sagt, dass sie es überhaupt ist. Wer sagt, dass das alles wahr ist?" "Ist schon gut Yuri." Anathols Worte wirkten wie die eines Vaters. Yuri ließ gebrochen seine Waffe sinken. Er überwand mit Mühe seine Scham und sah Anathol in die Augen. Der Blick, der ihm entgegen kam war übermächtig. Yuri wusste, dass er niemals gegen Anathol würde bestehen können. "Verzeih' mir." Anathol nahm Yuris Worte stumm an, er nickte, drehte sich dann schnell um und forderte die Missionare mit forschen Worten auf, ihren Auftrag fortzusetzen. Yuri vergaß darauf zu atmen. Er wollte nur noch sterben.
Drei Männer warfen Seile den Schacht hinunter, kletterten über das Geländer und seilten sich nach unten ab. Unten angekommen lösten sie sich von den Seilen, näherten sich dann mit größter Vorsicht der Gestalt. Oben waren alle Blicke nach unten gerichtet. Nur Anathol beobachtete aus dem Augenwinkel den über seine eigene Tat fassungslosen Yuri. Unten warfen zwei der Missionare einen schweren Stoffsack über die kleine Gestalt. Sie zurrten den Sack zu, befestigten ihn an den Seilen und gaben ein Zeichen hinauf zum Steg. Sofort begannen die Obengebliebenen den Sack mit größter Vorsicht gleichmäßig mit drei Seilen hinauf zu ziehen. Die Drei kletterten an einem zusätzlichen Seil zurück. Der Sack wurde behutsam über das Geländer gehoben. Vier Missionare schulterten ihn, die anderen packten zusammen und stellten sich in einer Marschformation auf. Der letzte Mann platzierte eine weitere Sprengladung an der Wand, dann lief der gesamte Trupp die Wendeltreppe nach oben.

Die vordersten Missionare liefen so schnell sie konnten. Hinter ihnen schallte das Keuchen ihrer Kameraden durch den langen, dusteren Gang. Vorne war Licht. Sie sprangen durch eine Luke in eine kleine Kammer, die an einer Seite ein rundes, zwei Meter hohes Schleusentor hatte. Der ganze Trupp sammelte sich rund um das Tor, einer der Missionare sprang vor und befestigte ein paar Drähte an der Schleuse, die in ein kleines Panel an seinem Gürtel führten. Die Aufmerksamkeit aller war gespannt auf ihn gerichtet. Yuri war ganz still. Er war wieder nur einer aus der Truppe, der allen anderen hinterherlief. Der Missionar, der an der Schleuse arbeitete, hielt inne. Die kleine CPU an seinem Gürtel rechnete. Plötzlich schnalzte der Türöffnungsmechanismus, ein großer Stahlring, der das Schleusentor einfasste, begann sich zu drehen und gab das Tor frei. Die Missionare atmeten auf. Langsam öffnete die schnaufende Hydraulik das Tor. Sobald der Spalt groß genug war, sprangen die ersten Missionare in die Schleuse. Zuletzt liefen die vier Männer mit dem Sack auf dem Rücken in den engen Zwischenraum, dann Anathol, dann der letzte Missionar, der das Schleusentor packte und gegen den Widerstand der Hydraulik wieder zuzog, um Zeit zu sparen. Zwei Männer blieben zurück. Zwei groß gewachsene Mordskerle mit zwei schweren automatischen Waffen, die Anathols Befehl folgten, ihr Leben für den Rückzug der anderen zu opfern. Sie drückten mit aller Kraft gegen das Tor, um es zu schließen. Yuri spähte aus der Schleuse und hatte in einem letzten Moment kurz Blickkontakt mit einem der Märtyrer. Auge stach in Auge, der Blick des Mannes war fordernd, Yuri konnte ihm kaum standhalten. Wie eine Erlösung erschien es, als das Schleusentor in der Fassung des großen Ringes einrastete. Die Missionare standen auf engstem Raum eingepfercht nebeneinander. Es roch nach Schweiß und Atem, die Luft war innerhalb kürzester Zeit kaum erträglich. Die Frauen und Männer versuchten, ihre Atmung zu kontrollieren und schnappten nach Luft. Sekunden verstrichen. Nichts passierte. Plötzlich von draußen der Lärm von automatischen Feuerstößen. Ein wüster Schusswechsel schien hinter der Schleusentüre vor sich zu gehen. Die Missionare lauschten gebannt. Das zweite Schleusentor bewegte sich noch immer keinen Millimeter. Die Anspannung quoll den erschöpften Gestalten aus den Augen. So knapp vor dem Ziel konnte so etwas doch nicht passieren. Yuri begann zu beten. Er versank in sich selbst, verlor den Kontakt zu seinem Rundherum, und wurde erst wieder erweckt, als das gleißend helle Licht durch die sich öffnende zweite Schleusentüre in seine Augen traf.

...

General Illushin

Es war zweifelsohne der dunkelste Tag im Leben von General Illushin. Er war in einem der superschnellen Los-Module auf dem Weg zur Inspektion der neuen großen Mauer gewesen, als ihn die Nachricht aus Lhiam Hud erreichte. Die Mauer war ein Jahrhundertprojekt, die das Innere des Landes gegen die radioaktiven Staubverwehungen aus dem Norden schützen sollte. Dieser Schutzwall sollte aus dem Kern des verwüsteten Megastaates eine kleine Oase entstehen lassen, umgeben von einem absurd schlagkräftigen Verteidigungsbollwerk. Es war Illushins Steckenpferd. Er war der oberste Befehlshaber der Streitkräfte. Er war jung, willensstark, er hatte stahlblaue Augen, die unendlich tief schienen, wenn er den Raum betrat, dann umgab ihn eine merkwürdige, undurchdringbare Aura, die jedem Untergebenen einen Adrenalinstoß versetzte. Er war athletisch, stark, er wirkte wie ein Zuchtpferd. Seine Position hatte er einzig durch seinen eisernen Willen und seine beunruhigend überdurchschnittliche Intelligenz erreicht. Der Krieg hatte alle alten Kriegsherren weggerafft, Illushin war in den Trümmern aufgewachsen und hatte das Kriegshandwerk von Kind auf gelernt. Seine Eltern verbrannten in der Schlacht von Osa im nuklearen Feuersturm. Illushin hatte mit 17 begonnen, unter staatlichem Kommando in einem der vielen Teams chemisch und biologisch - unterstützte Vernichtungsstrategien zu entwickeln, und seine Ideen waren herausragend. Er erarbeitete die Technik, die die letzte Baureihe an Nuklearwaffen, die noch während des Krieges produziert wurden, prägen sollte. Der Spitzname dieser ultimativen Todbringer war "Gabbari". "Gabbar" war ein Wort aus dem Dialekt der Quon-Normaden, die sich in den Bergen im Nordosten in Höhlen versteckt hielten und hieß "Staub". Es waren jene gefürchteten Raketen, die durch das Aufwirbeln riesiger Staubwolken alles Leben vernichteten. Illushins Weg war eine Musterkarriere, er war 33 und am Zenit angelangt. Doch Illushin zweifelte. Er fragte sich manchmal, ob er auf der richtigen Seite stehen würde. Er hatte die negativen, katastrophalen Seiten des Systems erkannt. Seine hohe Intelligenz zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass er den Schritt zurück machen konnte, der Schritt, der ihm ermöglichte, seine Taten und sein Umfeld aus objektiver Distanz zu betrachten. Dieser Blick verwirrte ihn. Er glaubte, das Wesen des Schicksals erkannt zu haben und hatte manchmal das Gefühl, dass es gegen ihn gerichtet sei. Und plötzlich zog er den Gedanken in Betracht, dass er seine Stärke einmal nicht mehr umsetzen könnte. Er wurde zum Grübler, zog sich oft Tagelang zurück. Das war Illushin. Er lebte allein. Ein komplizierter, undurchschaubarer Mann.
Der ganze Tag war eine Katastrophe gewesen. Heute Morgen war er mit tobenden Kopfschmerzen aufgewacht. Er hatte geträumt, dass er ein Kind hätte und dass er sein Kind aus einem brennenden Brunnen retten wollte. Er konnte das Kind in der Mitte des Schachts sehen, doch die Flammen bildeten einen unüberwindbaren, immer enger werdenden Kreis und er musste mit ansehen, wie sein Kind vor Schmerz brüllend verbrannte. Illushin hatte nie Kinder. Er hat sich immer eine Tochter gewünscht. Er überlegte eine Adoption, und vielleicht sollte er in zwei bis drei Jahren diese Entscheidung fällen. Dachte er.
Karlenkow war sein Adjutant. Ein treuer Gefolgsmann, der als einziger das wahre Gesicht seines Generals kannte. Er konnte an jeder Kleinigkeit des Äußeren seines Herren erkennen, was in ihm vorging. Und heute waren die Zeichen eindeutig. Es war der schwärzeste Tag, und der General hatte eine große, ununterdrückbare Angst.
Die beiden waren in eiligem Schritt durch die endlosen Säulengänge des Regierungspalastes unterwegs. Eigentlich liefen sie. Die zwei Meter hohen B3B-Wachroboter reagierten auf den vorbeilaufenden General, um sich Sekunden später unter leisen Servogeräuschen wieder in Ruheposition zu bewegen.
Karlenkow hatte die Nachricht gerade gelesen. Er fragte, Illushin leise, warum "Sie" ausgerechnet in Bischewanja versteckt wurde und wer das alles veranlasst hätte. Illushin meinte knapp, wenn er das beantworten würde, wäre er tot.

Die beiden kamen in einen langen Gang, an dessen Ende unbeweglich zwei intelligente Geschützeinheiten standen. Ein menschlicher Wachkommandant versperrte dem General und dem Adjutanten stumm und ohne ein Wort den Weg. Illushin und Karlenkow wendeten sich ehrfürchtig ab, Illushin drehte unmerklich den Kopf, um einen Blick in den Thronsaal werfen zu können. Er schaute seitlich in den dunklen, ovalen, lang gezogenen Saal. Vom Eingang des Raums führten zwei rote geschwungene Stege nach hinten zum Ende, wo der Thron stand. Auf der Fläche vor dem Thron ruhte ein großer Sarkophag. Kabel und Schläuche führten aus dem Sarkophag heraus und liefen quer über den Boden zu den Wänden. Einige Diener bewegten sich rund um den Sarkophag und hantierten mit großer Sorgfalt.
Illushin war nervös. Er hasste es, dem Sonnenvater gegenüber zu treten. Solche Audienzen waren immer ein Spiel auf Leben und Tod. Illushin sah nun auch Edota, den Berater des Sonnenvaters. Edota war ein Schädling, ein Virus, der das Hirn des Herrschers eingefressen und es durchsetzt hatte. Er war mächtiger als Illushin, vielleicht sogar mächtiger als der Sonnenvater selbst. Edota war alt, seine Haut war durch viele Versuche der Verjüngung zerstört und hing in Fetzen herunter. Edota war schlicht gekleidet und doch eitel. Illushin wusste, das das seine Schwäche war, und er suchte schon seit langem einen Weg, um Edota an dieser wunden Stelle zu verletzen. Nur so zum Spaß.

Plötzlich trat der Wachkommandant zur Seite und gab den Weg frei. Illushin und Karlenkow gingen ohne zu Zögern an den Geschützeinheiten vorbei und betraten den Thronsaal. Eine virtuelle Stimme kündigte den General als obersten Befehlshaber der Streitkräfte an. Illushin und Karlenkow knieten auf der metallenen Fläche vor dem Steg nieder und senkten den Kopf. Illushin stand wieder auf, steckte einen kleinen Stab in einen Metallsockel, der aus dem Boden ragte, stellte sich dann aufrecht hin, mit erhobenem Haupt. Karlenkow ließ den Kopf ehrfürchtig gesenkt. Illushin sah vorne im Sarkophag den Sonnenvater. Ein teilweise verwest erscheinender Körper, von dem nur die Fingerspitzen und ein Teil des Halses zu sehen waren. Das Gesicht befand sich hinter einer Maske, und diese verschwand zusammen mit den Kabeln und Schläuchen unter der tief über den Kopf gezogenen Kapuze des weiten Umhangs. Der Sonnenvater war halb tot. Er wurde mit allen verfügbaren Techniken am Leben erhalten, und vegetierte in seinem goldenen Käfig vor sich hin. Doch er war immer noch unumschränkter Herrscher des Landes, halb Gott, halb Vaterfigur, seine Macht beruhte auf Terror und Religion. Er war Oberhaupt von Kirche und Staat und trat dem Volk gegenüber als Gott auf, der auf die Erde kam, um im großen Krieg den Sieg und das Ende herbeizuführen. Man sagte ihm spirituelle Kräfte nach. Für Illushin war es zumindest offensichtlich, dass er über starke psychologische Kräfte verfügte. Viele Menschen glaubten wirklich an diesen Gott. Überall wurde seine Präsenz durch Propaganda aufrecht gehalten. Illushin hatte diese Strategie lange analysiert und Vergleiche aus der Geschichte der Menschheit gesucht. Er selbst war noch ein Kind, als der Sonnenvater die Macht übernahm. Damals hatte dieses neue religiöse Regime inmitten des Krieges einen guten Moment der Verzweiflung und Depression ausgenutzt und die vom Volk verhasste Regierung geputscht. Der Einfluss, den der Sonnenvater auf die Menschen hatte, war enorm.
Illushin wartete kurz, ob ihm das Sprechen gestattet werden würde. Das Prozedere war irgendwie jedes Mal anders. Er mochte das nicht. Als nichts kam und er sich gar nicht sicher war, ob der Sonnenvater seine Anwesenheit überhaupt registriert hatte, begann er sehr laut durch den Raum zu sprechen. "Mein Herr und Sonnenvater. Ich bin gekommen, um mit euch den Vorfall in Bischewanja zu besprechen." Stille auf der anderen Seite des Raumes. Illushin blickte etwas fragend hinüber zu Edota, der ihn angrinste und ihn mit einer großzügig wirkenden Geste zum Weiterreden ermutigte. "Wir wissen jetzt, dass ein Major der NHK an der Entführung beteiligt war. Sie konnten so die Sicherheitsschleusen übergehen. Der Major und die anderen Angreifer sind entkommen. Es wurde bereits veranlasst, die Verantwortlichen des Desasters zu exekutieren." Aus einem Lautsprecher kratze kaum verständlich die elektronisch gefilterte Stimme des Sonnenvaters: "Wie lautet der Name des Majors?" Illushin antwortete trocken: "Yuri Kerensky. Wieso war sie in Bischewanja? Und wieso habe ich nichts gewusst? Wie kann ich euch dienen, wenn ihr derart wichtige Informationen von mir fernhaltet?" Ein gewagtes Wort. Illushin war ein wenig unsicher, ob das nicht zu deutlich war. Er schleuderte Edota einen messerscharfen Blick zu und ließ sich nichts anmerken. Edota lächelte schäbig. Der Sonnenvater begann mit etwas besserer Stimme weiter zu sprechen: "Viele Dinge haben sich im Lauf der Jahre verändert. Nachdem ein wichtiger Mitarbeiter des Projekts spurlos verschwunden ist, erschien es notwendig, das Mädchen an einem geheimen Ort zu verstecken. Der Name dieses Mitarbeiters war Dr. Vasili Kerensky." Illushin war erstaunt. "Besteht zwischen den beiden Namen ein Zusammenhang? Ist Yuri mit Dr. Kerensky verwandt?" "Davon müssen wir ausgehen. Erstaunlich. Wie konnte Kerenskys Familie so lange vor uns verborgen bleiben?" Die Frage des Sonnenvaters schien ehrlich. Er wusste es scheinbar tatsächlich nicht. Illushin war überrascht. Sein Zugang zu Informationen war immer schon limitiert, vor allem durch Edotas Einfluss, Illushin wusste das und führte zeitweise einen regelrechten Spionage-Kleinkrieg, legte bewusst falsche Fährten und verbreitete unrichtige Informationen, um Edota die Stirn zu bieten. Er kommentierte knapp mit: "Es ist so viel Wissen im Lauf der Zeit verloren gegangen." und blickte dabei mit einem kleinen, dreckigen Lächeln hinüber zu seinem Erzrivalen. Edota erhob die Stimme, so als hätte das ganze Gespräch nur auf seinen Auftritt hingesteuert. "General, es ist zwingend notwendig für das Überleben des Staates, dass ihr verhindert, dass die Terroristen das Wesen töten." Illushin nickte. Kurz herrschte betretene Stille im Raum. Was war wenn das längst passiert war? Illushin kannte die Ansichten dieser fremden Männer nicht. Er hatte immer gewusst - oder gespürt, dass sich eine Macht zusammenbraute, die eines Tages das Schicksal zum kippen bringen würde. Doch war diese Macht eine Grauzone ohne Gesicht, und Illushin wollte immer wissen, wie sein Gegner aussah. Er richtete sich ein letztes Mal auf, berichtete, dass die Satellitenverfolgung bereits mit der Aufspürung begonnen habe, nickte, machte dann kehrt und verließ zusammen mit Karlenkow scharfen Schrittes den Raum.

...

Weg über das Hochland / Ainoa

Yuri konnte die Strahlung spüren. Ein leises Knistern auf seiner Haut. Er bekam Angst. So nah war er noch nie an einen Klasse A Strahlenherd herangekommen. Neben dem Hochland von Torn gab es noch fünf andere bekannte Gebiete mit einer derart hohen Kontamination: Die Berge von Ver Gras, die nördlichen Eisfelder östlich von Go, die beiden Ebenen Dup und Ibuat und die Salzwüsten von Dekabe. Der verseuchte Teil des Hochlands von Torn war die kleinste dieser Zonen und erstreckte sich dennoch über mehrere hundert Kilometer durch die Gebirgslandschaft. Charakteristisch für dieses Areal war jedoch, dass es langgezogen und an manchen Stellen sehr schmal war. Die längliche Form der Zone hatte ihren Ursprung in der ehemaligen Frontlinie der Tuk-Gefechte, die hier direkt durch die 6000er führte. Bevor die Linie überrannt wurde, wurde sie in monatelangen, intensiven Bombardements bis zum Zusammenbruch aufgeweicht. Yuris Plan war es, die Zone an einer der schmalen Stellen zu überschreiten. Er sah darin seine einzige Chance, und er wusste, dass eine Abweichung der Marschroute von wenigen Grad seinen Weg um genau die Stunden verlängern könnte, die ihm das Leben kosten würden. Er mühte sich den letzten Pass vor dem Anfang der Zone hoch. Ainoa zeigte keinerlei Anstrengung. Sie stapfte ihm munter hinterher, lief immer wieder auf, es schien, als wäre ihr die Schrittgeschwindigkeit zu langsam. Yuri konnte nicht schneller. Er keuchte heftig und schwitzte, als er die starke Steigung bewältigte. Vor seinen Augen tauchte ein Mahnmal auf. Ein langer Pfahl, der auf der Spitze des Passes in den Fels gerammt war. Von dem Pfahl waren Seile zu den Seiten gespannt, und auf den Seilen waren kleine bunte Gebetsfahnen mit Quon - Schriftzeichen aufgeknüpft. An dem Pfahl war die verweste Leiche eines Soldaten gebunden. Es roch nach Tod. Yuri blieb in einiger Entfernung vor dem Mahnmal stehen und begann, seinen Rucksack auszupacken. Nun wusste er zumindest, dass er auf dem richtigen Weg war. Ainoa stand abseits und starrte gebannt auf die Leiche. Sie beobachtete die kleinen gepanzerten Insekten, die durch den ausgehöhlten Schädel surrten. Dann blickte sie unsicher hinüber zu Yuri, der sich gerade mit einiger Mühe eine alte Atemschutzmaske über den Kopf zog, deren Form an den Schädel einer Fliege erinnerte. Von der Maske führte ein Gummischlauch durch mehrere kleine Filterpakete hindurch in einen Metalltornister. Darüber zog Yuri einen grünen Mantel aus Kafal an, ein sehr leichtes, extrem widerstandsfähiges Material, das von der Armee zum Strahlenschutz verwendet wurde. Er dichtete die Ränder und Bünde des Mantels und der Maske mit einer ölartigen Paste ab und warf sich den Rucksack über die Schulter. Nach kurzer Zeit wurde er unter der Maske nervös. Er fühlte sich wie lebendig begraben, die kleinen Sichtfenster waren zerkratzt und erlaubten ein nur sehr beschränktes Blickfeld. Yuri hatte in der Armee oft in solchen Anzügen trainiert, in diesem tragbaren Sarg durch einen Klasse A Strahlenherd zu wandern war aber eine eigene Geschichte. Yuri begann seinen Weg und stapfte an dem Mahnmal vorbei. Als er sich umdrehte, merkte er, dass Ainoa ihm nicht folgte. Sie stand wie versteinert da und blickte ängstlich in seine Richtung. Yuris Worte hallten dumpf aber voll Verständnis durch die Atemschutzmaske. "Komm schon. Die Strahlung tut dir nichts. Du wirst wahrscheinlich ohnehin mit Kernenergie betrieben." Yuri drehte sich um und marschierte los. Ainoa zögerte noch einen Moment lang, folgte dann dem kleinen, einpackten Männchen in die verseuchte Zone.

Die Belastung war größer, als Yuri es gedacht hatte. Nach wenigen Stunden wurde ihm schwindlig und übel. Der dünne Luftstrahl, der durch die vielen Filter in seinen Mund gelangte, schmeckte nach Blei und reichte gerade aus, um ihn am Bewusstsein zu halten. Er hatte Mühe, einen Fuß vor den anderen zu setzen, und die schwere Maske machte es ihm nicht leichter, während des schwierigen Aufstiegs das Gleichgewicht zu halten. Yuri geriet in Panik. Hier zu sterben war wohl der schlimmste aller bisher möglichen Tode. Die Strahlung tötet langsam. Sie hält dich fest und betäubt dich wie eine Spinne, um dich dann langsam auszusaugen. Die Quon-Nomaden glaubten daran, dass eine Seele, die in der Strahlung stirbt, auf ewig in der Hölle gefangen ist und nie erlöst wird. Yuri versuchte einen Moment lang, sich diese Unendlichkeit vorzustellen, und kam zu dem Schluss, dass er darauf überhaupt keine Lust hätte. Wenige Schritte später wurde er ohnmächtig. Ainoa schaute verdutzt drein, als Yuri vor ihr wie ein Stück Holz auf dem Felsboden aufschlug. Sie blieb eine Weile mit traurigem Gesicht stehen und beobachtete den leblosen Körper. Inmitten der unendlichen Berglandschaft wirkten die beiden wie ein Nichts, der kleine Vorfall ließ die mächtigen, seit Jahrtausenden ruhenden Gebirgszüge völlig unbeeindruckt. Ainoa stolperte vorsichtig auf Yuri zu, beugte sich tief zu ihm hinunter und schnupperte. Ihre Augen drehten sich ein wenig, eine kleine Anstrengung war in ihrem Gesicht erkennbar, dann öffnete sie den Mund und krächzte unter großer Mühe und mit viel Überwindung ein gebrochenes "Y..u..ri". Keine Reaktion. Ainoa war enttäuscht. Sie richtete sich auf, um den Schaden nochmals im Ganzen zu betrachten. Plötzlich spürte sie etwas. Eine der vielen, kleinen, verschlossenen Metallkugeln in ihrem Herzen öffnete sich wie eine Blume. In einem dunklen Herz war von einem Moment auf den anderen etwas Helles, Farbenfrohes zum Vorschein gekommen. Ainoa interpretierte die wenigen Elemente und Informationen, die in ihrem unmittelbaren Bewusstsein waren und verstand einen Zusammenhang. Und aus dem ersten folgte ein zweiter. Und der führte zu zwei neuen. Der Horizont brach auf wie ein Ungetüm und blitzte gleißend und hundertfach in ihre kleine Seele. Nach wenigen Augenblicken hatte sie ein Muster aus verschiedenen, beweglichen aber miteinander verknüpften Pfaden vor Augen. Die einzelnen Pfade waren belegt mit Informationen, die Ainoa bisher wahrgenommen hatte, aber nicht verarbeiten konnte. …Yuri muss zur Anhöhe von Torn Lev … Er muss das Hochland überqueren, und davor hat er Angst… Ainoa spürte Yuris Wärme. Und sie spürte, dass diese Wärme abnahm. Das machte ihr Angst. Sie rechnete diese Veränderung weiter hoch und kam zu dem Schluss, dass Yuri sterben würde, wenn er hier liegen bliebe, und dass er leben könnte, wenn er sein Ziel erreichen würde. Ainoa fasste ihren ersten Entschluss. Sie stellte sich vor seinem Kopf auf, packte ihn an den Armen und schleifte ihn eine zeitlang hinter sich her. Das Vorwärtskommen gestaltete sich in dieser Form sehr schwierig, darum versuchte Ainoa es nach wenigen Schritten mit einer anderen Tragehaltung. Sie zog Yuri über ihre Schultern hoch, drehte sich, sodass er auf ihrem Rücken lag, und hielt seine Hände fest vor ihrer Brust verschränkt. Sie zog ihn so weit hoch, dass er im Gleichgewicht auf ihr lag und versuchte dann, einige Schritte zu gehen. Sein Gewicht war nur ein statisches Problem für sie. Ihre anatomischen Strukturen waren sehr stabil, ihre Muskeln überdurchschnittlich stark. Diese Kraft war ein Teil des Verteidigungsmechanismus des Swjet. Dr. Kerensky war ursprünglich dagegen, aus den Androiden Muskelpakete zu machen, doch seine militärischen Auftraggeber waren in diesem Punkt stur. Es war eine der wenigen Vorgaben, die der L3 Serie gemacht wurden.

Nichts von all dem war Ainoa bewusst. Sie hatte gerade ihren ersten kleinen Plan gefasst, nämlich ein Weg von A nach B. Während des gesamten Weges hinterfragte sie die Entscheidung und versuchte zu verstehen, was der Auslöser dafür war. Je länger sie ging, desto stärker spürte sie die Verbindung zu Yuri, mit jedem Schritt wurde sie glücklicher und die kleine Blüte in ihrem Herzen würde größer.