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LESEPROBEN AUS DEM ROMAN
"AINOA" Überfall auf Bischewanja Das Jahr 2078. Das Bischewanja-Gefängnis
befand sich hoch oben in den Bergen. Der Weg dorthin war nur mit einem
Spezialfahrzeug bewältigbar. Der Panzer wartete in einem kleinen
Ort namens Lok am Fuß der Passstraße. Die anderen Missionare
sollten, wenn alles wie geplant klappen würde, die Nacht oben am
Berg in der Nähe des Gefängnisses in Biwaks verbracht haben.
Die Sicht war sehr schlecht. Draußen war es stockdunkel. Von Zeit
zu Zeit beleuchtete eine Straßenlaterne die entlang des Weges stehenden
ärmlichen Wohnhäuser. Im Licht der Laternen waren die dichten
Schneeflocken zu sehen. Pavel schaltete die Heizung des Wagens ein. Endlich.
Ein dünner, warmer Luftstrom zog aus der Öffnung. Keiner traute
sich ein Wort zu sagen. So als könnte sie jemand hören. Hinter
ihnen wurde die letzte Laterne der Stadt von der Dunkelheit verschluckt.
Yuris Augen spähten verloren durch die winzige Luke, die über ein Periskop einen Blick nach draußen erlaubte. Am finsteren Horizont schimmerten vereinzelt Irrlichter, so als würden sie entlang des Weges im Spalier stehen. Die Panzer des Typs Prisjor waren nicht sehr geräumig und äußerst unbequem. Die Luft im Innenraum war von den Abgasen stickig, und die Besatzungen öffneten manchmal während der Fahrt verbotener Weise die hinteren Einstiegsluken, um lieber höhere Strahlenwerte zu riskieren als zu ersticken. Yuris Hände hielten zitternd den Rosenkranz, die von der Kälte im Panzer steifen Finger schoben Kugel für Kugel voran. Pavel saß neben Yuri. Er warf einen verstohlenen Blick nach vorne zum Fahrer des Panzers, schob dann ganz unauffällig seine Hand hinüber zu Yuris Händen und drückte mit der Faust gegen Yuris zitternde Finger. Ein kurzer Blickkontakt, Yuri riss sich zusammen, steckte den Rosenkranz ein und griff nach der kleinen, metallenen Teekanne. Seine Augen schienen ins Innere seines Kopfes gerichtet. Seine Gedanken verloren sich wieder. Sie flogen davon, besuchten seine Mutter, die ihn streichelte, den Bunker, Anathol, seinen Vater, die anderen Missionare. Und seine Schwester Kei. In seinem Traum lächelte sie ihn an. Sie sprach seinen Namen aus, schenkte ihm eine gefaltete Blume. Er umarmte sie. Die unruhige Fahrt des Panzers riss Yuri aus seinem Traum. Er wusste nicht, ob er geschlafen hatte oder nur in seinen Gedanken unterwegs gewesen war. Er sah auf seine Uhr. Es konnte nicht mehr weit sein. Der kleine Menschenhaufen inmitten
der steilen Felslandschaft war in der Dunkelheit mit freiem Auge nicht
erkennbar. Die 20 schwer vermummten Männer und Frauen drängten
sich aneinander, bedeckt durch schwarze Zeltplanen. Sie drückten
ihre in Stoffreste eingewickelten Waffen an sich, um sie vor dem Frost
zu schützen und versuchten sich gegenseitig vor dem Einschlafen zu
bewahren. Ihre Gesichter waren angespannt und unruhig, die Körper
zitterten vor Kälte und Angst. Keiner sprach ein Wort, nur der Wind
war zu hören, der den Schnee über die Gratkante hob und die
kleine Gruppe langsam zudeckte. Das Bischewanja Gefängnis
war größer und furchteinflössender als Yuri es sich vorgestellt
hatte. Eine Ansammlung von mehreren Betontürmen, die im dunklen sibirischen
Himmel verschwanden. Suchscheinwerfer bestrichen das Gelände, Hunde
bellten, Kommandos wurden durch Lautsprecher gebrüllt. Die schwer
verseuchte Luft knisterte an der Oberfläche des Panzers. Rund um
den äußeren Zaun waren die Felder mit hunderten improvisierten
Gräbern übersäht, vereinzelt sah man kleine Gruppen von
Häftlingen, die andere begruben. Das Gefängnis war ein nukleares
Kraftwerk und produzierte den gesamten Energiebedarf der Region. Die hochgefährliche
Arbeit wurden von den Häftlingen verrichtet, die meisten waren Opfer
des menschenverachtenden Kriegsgefangenenprogramms. Bischewanja hatte
über 6500 Inhaftierte, doppelt so viele männliche wie weibliche.
Die Zahl veränderte sich ständig, die Zahl der Ausfälle
war enorm, ebenso die Zahl derer, die monatlich nach Bischewanja deportiert
wurden. Das Gesicht des Gefängniskommandanten
war breit und von seinem maßlosen Leben aufgeschwemmt. Er hatte
kleine Augen, dicke Lippen, war nicht sehr groß und sah in seiner
Offiziersuniform nicht sonderlich gut aus. Sein dicker Bauch war ihm peinlich,
deshalb trug er seinen Mantel immer über die Schultern gehängt,
um seine Statur vorteilhafter vorzuführen. Er legte großen
Wert auf die Reinlichkeit seines Körpers, hatte aber ein ständiges
Problem, weil seine Zähne an der überdurchschnittlich strahlungsverseuchten
Luft immer wieder zu faulen begannen. Deshalb hielt er seinen Mund gerne
geschlossen oder wandte sich beim Sprechen ab. Der Gefängniskommandant führte die beiden Fremden durch die Maschinenhalle des Kraftwerks. Yuri und Pavel folgten der merkwürdigen Gestalt, eskortiert von zwei Wachen des Gefängnisses. Der Kommandant ging einen für seinen Körperbau ungewöhnlich schnellen Schritt. Er wollte die Angelegenheit hinter sich bringen. Er sprach über die Statistik seiner Inhaftierten und mühte sich um etwas Smalltalk, den er nicht gewohnt war. "Waren sie schon einmal in Bischewanja?" Yuri verneinte. Der Kommandant stocherte weiter. "Untersuchungen wie die ihre kommen hier nicht vor." Er verspürte Lust darauf, seine Gäste zu provozieren. "Vielleicht wird es ja Zeit" meinte Yuri knapp. "Wir dienen dem Staat, mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln." Der Kommandant genoss verzückt die plumpe Doppeldeutigkeit seines Satzes. "Wir auch." antwortete Yuri. Die Missionare hatten den äußeren
Zaun des Gefängnisses erreicht. Der Zaun begrenzte das Hochplateau,
auf dem sich das Kraftwerk befand, dahinter führte eine scharfe Felskante
steil hinunter in den Abgrund. Drei Stunden hatten die Missionare gebraucht
um die vereiste Steilwand hochzuklettern. Sie sammelten sich oben am schräg
über die Felskante ragenden Zaun, hängten sich dabei mit Karabinern
in die Metallmaschen. Die ersten beiden schnitten mit Zangen ein Loch
in das Drahtgeflecht, dann schlüpfte einer nach dem anderen durch
den Zaun. Die vor ihnen liegende Fläche war hell beleuchtet. Dahinter
hoben sich die Konturen einiger riesiger Öltanks vom Nachthimmel
ab. Anathol wartete, bis alle Frauen und Männer durch das Loch waren,
dann gab er ein Handzeichen, die gesamte Gruppe sprang hoch und rannte
gebückt über das beleuchtete Betonfeld. Die Lungen der Missionare
pumpten die scharfe Luft, nach zirka 300 Metern erreichte die gesamte
Gruppe ohne Nachzügler den ersten Öltank. Dort sammelten sich
die Missionare, warfen sich zu einem nach Atem ringenden Haufen zusammen.
Anathol war hoch angespannt. Er riss die Missionare am Gewand, um sie
noch näher beisammen zu halten. Der gefrorene Atem der 20 keuchenden
Gestalten stieg rasch auf und bildete eine verräterische Wolke über
dem Sammelplatz. Anathol blickte nach vorne. Das duster beleuchtete Kesselhaus
des Kraftwerks erhob sich in zirka 500 Metern Entfernung aus den umliegenden
Betonblöcken. Davor war ein großes Becken, in dem dutzende
Öltanks standen, die Reserven für einen Ausfall der nuklearen
Brennleistung. Das Becken war in der Mitte durch einen quer verlaufenden
Betonsteg geteilt. Auf der anderen Seite des Stegs führte nach etwa
hundert Metern der Beckenrand steil hinauf zum Kraftwerk. Der Weg schien
frei. Anathol hatte mehrere Hindernisse erwartet. Sein Blick wanderte
den Steg und den Rand des Beckens ab. Niemand war zu sehen. Das Becken
befand sich auf der Rückseite des Kraftwerkkomplexes, die Geschütztürme
befanden sich am Hauptportal. Das computergestützte Verteidigungssystem
des Gefängnisses war auf einen Angriff mit schweren Waffen zu Lande
oder aus der Luft konzipiert. Das Kontingent an Wachpersonal und Soldaten
war verhältnismäßig gering. Der Hochsicherheitstrakt war ein riesiger, dunkler Betonschacht, der unten nach zirka hundert Metern im Schwarz verschwand. Die kleine Gruppe betrat den Trakt von oben über eine Wendeltreppe, die zu einer kleinen Plattform führte. Die Plattform befand sich gerade noch im Licht und schwebte über dem dunklen Abgrund. Die Luft war schwer und kalt. Yuris Herz klopfte. Er schritt langsam über den Eisensteg, sein Blick war nach unten ins Nichts fixiert. Er konnte sie spüren. Sie war in der Nähe. "Da ist ihr Häftling. Beugen sie sich nicht über das Geländer." Die mäßig laut gesprochenen Worte des Gefängniskommandanten hallten mehrfach durch den Schacht. Im selben Moment ging 80 Meter weiter unten am Boden des Abgrunds ein heller Lichterkreis an, in dessen Mitte sich ein kleines strahlendes Plateau befand. Auf diesem Plateau stand eine Gestalt, die Hände erhoben an einer Stange gefesselt, die mit einem Ring am Hals befestigt war. Ihre Augen schienen zugeklebt. Sie wurde vom weißen Licht des Kreises überstrahlt und war schwer zu erkennen... Sie war es. Yuri war an seinem Ziel angelangt. Dieses kleine Geschöpf dort unten hatte drei Generationen in Atem gehalten. Doch noch war er nicht bei ihr. "Scheint nicht ganz das zu sein, was sie sich vorgestellt haben..." ätzte der Gefängniskommandant gelangweilt und streifte sich seine Lederhandschuhe über. Yuri blickte beiläufig zu dem Mann hinüber, Pavel merkte Yuris Aufmerksamkeit und bewegte sich einen Schritt zurück, um Yuris rechter Hand Bewegungsfreiheit zu geben, späte aus dem Augenwinkel auf die Wache, die schräg hinter ihm stand. Im selben Moment ertönte ein kleiner Piepton, der Gefängniskommandant nahm seinen Kommunikator hoch und wurde beim Ablesen der Anzeige nervös. "Schon wieder Alarm... Sagen sie Major Victor Ver..." Das erste Projektil traf die Wache neben dem Gefängniskommandanten. Der Mann wurde von der Wucht des Treffers blitzschnell nach hinten geknickt und im selben Moment zurück gegen die Wendeltreppe geschleudert. Gleichzeitig riss der direkte Brusttreffer aus Pavels Handfeuerwaffe die zweite Wache gegen das Metallgeländer, der Mann hatte nicht einmal mehr Zeit, nach seiner Waffe zu greifen, diese löste sich im Moment seines Aufschlags aus dem Holster, fiel hinunter in den Schacht und zersprang unten am Betonboden in tausend Teile. Eine halbe Sekunde später riss Yuri seine Waffe aus der Richtung der ersten Wache nach rechts in das fassungslos starrende Gesicht des Gefängniskommandanten, der im Moment von Yuris Handbewegung so auswich, dass der Schuss ihn an der linken Schulter traf. Während er herumwirbelte traf ihn ein zweites Projektil direkt am Hals, er fiel zu Boden wie ein Stück Blei. Die Schüsse hallten ewig nach. Yuri schnappte nach Luft. Er riss den Blick hinüber zu Pavel. Pavel war blau vor Adrenalin. Er schaute hastig um sich, die Augen der beiden Männer trafen sich. Sofort drehte Yuri den Kopf hinüber zum Schacht und beugte sich über das Geländer, um besser nach unten zu sehen. Die Gestalt stand immer noch bewegungslos unten in dem Lichterkreis. Der Funkenregen fiel wie Schnee
herunter auf die durcheinander brüllenden Missionare. Immer mehr
Teile des Stegs wurden durch die Einschüsse des Abwehrfeuers zerfetzt,
immer wieder wurden einzelne Missionare durch die einschlagenden superschnellen
Wog-Projektile aus den Reihen gerissen. Anathols kleine Streitmacht wurde
von Sekunde zu Sekunde schwächer. Er hatte den Überblick verloren.
Die Missionare links und rechts neben ihm drängten ihn zum Ausbruch.
Seine Gedanken liefen davon. Er wollte sie halten, rief ihnen nach, doch
sie hörten nicht auf ihn, und so musste er ihnen folgen. Sie eilten
zurück in die Zeit nach dem Ausstieg aus dem Bunker. All die Hoffnung,
die sie durch diese harte Zeit getragen hatte, schien einen Moment lang
in sich gekehrt. Was war, wenn das das Ende bedeuten sollte. Drei Generationen
Mühe und Hoffnung in einem Moment verschanzt hinter ein paar Betonstehern.
Anathol wollte dorthin zurück, in den Kampf. Er riss seine Gedanken
gewaltsam mit sich, zerrte sie hinter sich her zurück in die Realität.
Er wollte kämpfen. Er wollte all seine Gedanken fokussieren, um seinen
Traum aus dieser Falle zu befreien. Yuri und Pavel warteten. Sie hörten ein leises Tropfen, Wasser, das oben an der Decke durch die Ritzen trat und hundert Meter weiter unten am Boden aufschlug. Sonst war es ruhig. Yuri hielt den Blick nach unten in den Schacht auf die kleine Gestalt gerichtet. Pavel sah auf die Uhr. Langsam wurden die beiden Männer nervös. Die Suchscheinwerfer blitzten durch das wilde Getümmel durcheinander laufender Gestalten, die Missionare überrannten den Wall so schnell, dass die Verteidiger ihre Stellungen in Panik verließen. Gekämpft wurde mit Schusswaffen, Schwertern und mit den bloßen Händen, die Missionare rissen alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellte. Anathol führte seinen Trupp den zweiten Wall hinauf zum Kraftwerksgebäude. Zwei Missionarinnen mit größeren Taschen überholten ihn und liefen unter Feuerschutz ihrer Kameraden hinauf zum hinteren Eingangsportal, das durch ein großes Metallschott verschlossen war. Die beiden jungen Frauen hasteten die letzten Meter geduckt hinüber zum Schott, nahmen in schnellen aber bedachten Handbewegungen Qum - Sprengsätze aus ihren Beuteln und montierten diese mit Magneten am Schott, wobei die eine Missionarin die andere blitzartig hochhob, um die erste Landung in der Mitte des Tors platzieren zu können. Die zweite Ladung wurde an der Unterkante des Tors angesetzt. Im selben Moment stürzten beide hoch, rannten brüllend zurück, sprangen über die Kante des Walls, gleichzeitig warfen sich alle Missionare bergauf auf den Boden. Drei Sekunden lang verstummten die Schreie, dann ein kurzer Moment, in dem gar nichts zu hören war, so laut presste die Explosion das Schott aus der Wand, die Druckwelle riss die Missionare gegen den Beton, das Blut schoss ihnen in den Kopf, der Widerhall, der von den Öltanks zurückkam war ohrenbetäubend. Anathols erstes Kommando zum Sturm wurden von niemandem gehört. Benommen rappelten sich die Missionare hoch und folgten taub ihrem Anführer den Wall hinauf. Langsam kam das Heulen der Sirenen zurück in die Wahrnehmung der Männer und Frauen. Das Schott war nicht mehr da. Die Detonation hatte die gesamte untere Front des Portalgebäudes weggerissen. Die Missionare hatten Mühe, den riesigen Schutthaufen zu überqueren, um in das Innere des Gebäudes vorzustoßen. Die Detonation des Schotts war
das Erste, was Yuri und Pavel von draußen mitbekamen. Die Wucht
der Explosion hatte auch im Hochsicherheitstrakt die Wände zittern
lassen. Wieder vergingen Minuten, die wie Tage schienen. Plötzlich
wirbelte Yuri herum, oben an der Decke des Schachtes ging eine Türe
auf, Schüsse fielen, dann tauchten die ersten dunklen Gestalten oben
auf der Wendeltreppe auf. Nach wenigen Sekunden erkannte Yuri, dass es
die Missionare waren. Sein Herz atmete auf. Die Schritte der Missionare
auf den Metallstufen füllten den Schacht mit Lärm. Anathol war
unten am Steg angekommen. Die beiden Männer hatten sich eineinhalb
Jahre nicht gesehen. Trotzdem trat die Emotionalität der Begegnung
in keinem Moment an die Oberfläche. Anathols Gesicht war blutig.
Er blickt Yuri an, als hätte er ihn vor wenigen Stunden das letzte
Mal gesehen. Er rang nach Atem und schaute sofort hinunter in den Schacht.
Ein seltsamer, weicher Stich fuhr durch seinen Kopf als er realisierte,
dass er sein Ziel erreicht hatte. Er gab ein Handzeichen, die erschöpften
Missionare begannen hastig ihre Rucksäcke zu öffnen und Seile
und Gurte auszupacken. Drei männliche Missionare bereiteten sich
für den Abstieg vor, die anderen schossen Befestigungshaken in den
Beton und verankerten Umlenkrollen am Geländer. Die vordersten Missionare liefen
so schnell sie konnten. Hinter ihnen schallte das Keuchen ihrer Kameraden
durch den langen, dusteren Gang. Vorne war Licht. Sie sprangen durch eine
Luke in eine kleine Kammer, die an einer Seite ein rundes, zwei Meter
hohes Schleusentor hatte. Der ganze Trupp sammelte sich rund um das Tor,
einer der Missionare sprang vor und befestigte ein paar Drähte an
der Schleuse, die in ein kleines Panel an seinem Gürtel führten.
Die Aufmerksamkeit aller war gespannt auf ihn gerichtet. Yuri war ganz
still. Er war wieder nur einer aus der Truppe, der allen anderen hinterherlief.
Der Missionar, der an der Schleuse arbeitete, hielt inne. Die kleine CPU
an seinem Gürtel rechnete. Plötzlich schnalzte der Türöffnungsmechanismus,
ein großer Stahlring, der das Schleusentor einfasste, begann sich
zu drehen und gab das Tor frei. Die Missionare atmeten auf. Langsam öffnete
die schnaufende Hydraulik das Tor. Sobald der Spalt groß genug war,
sprangen die ersten Missionare in die Schleuse. Zuletzt liefen die vier
Männer mit dem Sack auf dem Rücken in den engen Zwischenraum,
dann Anathol, dann der letzte Missionar, der das Schleusentor packte und
gegen den Widerstand der Hydraulik wieder zuzog, um Zeit zu sparen. Zwei
Männer blieben zurück. Zwei groß gewachsene Mordskerle
mit zwei schweren automatischen Waffen, die Anathols Befehl folgten, ihr
Leben für den Rückzug der anderen zu opfern. Sie drückten
mit aller Kraft gegen das Tor, um es zu schließen. Yuri spähte
aus der Schleuse und hatte in einem letzten Moment kurz Blickkontakt mit
einem der Märtyrer. Auge stach in Auge, der Blick des Mannes war
fordernd, Yuri konnte ihm kaum standhalten. Wie eine Erlösung erschien
es, als das Schleusentor in der Fassung des großen Ringes einrastete.
Die Missionare standen auf engstem Raum eingepfercht nebeneinander. Es
roch nach Schweiß und Atem, die Luft war innerhalb kürzester
Zeit kaum erträglich. Die Frauen und Männer versuchten, ihre
Atmung zu kontrollieren und schnappten nach Luft. Sekunden verstrichen.
Nichts passierte. Plötzlich von draußen der Lärm von automatischen
Feuerstößen. Ein wüster Schusswechsel schien hinter der
Schleusentüre vor sich zu gehen. Die Missionare lauschten gebannt.
Das zweite Schleusentor bewegte sich noch immer keinen Millimeter. Die
Anspannung quoll den erschöpften Gestalten aus den Augen. So knapp
vor dem Ziel konnte so etwas doch nicht passieren. Yuri begann zu beten.
Er versank in sich selbst, verlor den Kontakt zu seinem Rundherum, und
wurde erst wieder erweckt, als das gleißend helle Licht durch die
sich öffnende zweite Schleusentüre in seine Augen traf. ... General Illushin Es war zweifelsohne der dunkelste
Tag im Leben von General Illushin. Er war in einem der superschnellen
Los-Module auf dem Weg zur Inspektion der neuen großen Mauer gewesen,
als ihn die Nachricht aus Lhiam Hud erreichte. Die Mauer war ein Jahrhundertprojekt,
die das Innere des Landes gegen die radioaktiven Staubverwehungen aus
dem Norden schützen sollte. Dieser Schutzwall sollte aus dem Kern
des verwüsteten Megastaates eine kleine Oase entstehen lassen, umgeben
von einem absurd schlagkräftigen Verteidigungsbollwerk. Es war Illushins
Steckenpferd. Er war der oberste Befehlshaber der Streitkräfte. Er
war jung, willensstark, er hatte stahlblaue Augen, die unendlich tief
schienen, wenn er den Raum betrat, dann umgab ihn eine merkwürdige,
undurchdringbare Aura, die jedem Untergebenen einen Adrenalinstoß
versetzte. Er war athletisch, stark, er wirkte wie ein Zuchtpferd. Seine
Position hatte er einzig durch seinen eisernen Willen und seine beunruhigend
überdurchschnittliche Intelligenz erreicht. Der Krieg hatte alle
alten Kriegsherren weggerafft, Illushin war in den Trümmern aufgewachsen
und hatte das Kriegshandwerk von Kind auf gelernt. Seine Eltern verbrannten
in der Schlacht von Osa im nuklearen Feuersturm. Illushin hatte mit 17
begonnen, unter staatlichem Kommando in einem der vielen Teams chemisch
und biologisch - unterstützte Vernichtungsstrategien zu entwickeln,
und seine Ideen waren herausragend. Er erarbeitete die Technik, die die
letzte Baureihe an Nuklearwaffen, die noch während des Krieges produziert
wurden, prägen sollte. Der Spitzname dieser ultimativen Todbringer
war "Gabbari". "Gabbar" war ein Wort aus dem Dialekt
der Quon-Normaden, die sich in den Bergen im Nordosten in Höhlen
versteckt hielten und hieß "Staub". Es waren jene gefürchteten
Raketen, die durch das Aufwirbeln riesiger Staubwolken alles Leben vernichteten.
Illushins Weg war eine Musterkarriere, er war 33 und am Zenit angelangt.
Doch Illushin zweifelte. Er fragte sich manchmal, ob er auf der richtigen
Seite stehen würde. Er hatte die negativen, katastrophalen Seiten
des Systems erkannt. Seine hohe Intelligenz zeichnete sich vor allem dadurch
aus, dass er den Schritt zurück machen konnte, der Schritt, der ihm
ermöglichte, seine Taten und sein Umfeld aus objektiver Distanz zu
betrachten. Dieser Blick verwirrte ihn. Er glaubte, das Wesen des Schicksals
erkannt zu haben und hatte manchmal das Gefühl, dass es gegen ihn
gerichtet sei. Und plötzlich zog er den Gedanken in Betracht, dass
er seine Stärke einmal nicht mehr umsetzen könnte. Er wurde
zum Grübler, zog sich oft Tagelang zurück. Das war Illushin.
Er lebte allein. Ein komplizierter, undurchschaubarer Mann. Die beiden kamen in einen langen
Gang, an dessen Ende unbeweglich zwei intelligente Geschützeinheiten
standen. Ein menschlicher Wachkommandant versperrte dem General und dem
Adjutanten stumm und ohne ein Wort den Weg. Illushin und Karlenkow wendeten
sich ehrfürchtig ab, Illushin drehte unmerklich den Kopf, um einen
Blick in den Thronsaal werfen zu können. Er schaute seitlich in den
dunklen, ovalen, lang gezogenen Saal. Vom Eingang des Raums führten
zwei rote geschwungene Stege nach hinten zum Ende, wo der Thron stand.
Auf der Fläche vor dem Thron ruhte ein großer Sarkophag. Kabel
und Schläuche führten aus dem Sarkophag heraus und liefen quer
über den Boden zu den Wänden. Einige Diener bewegten sich rund
um den Sarkophag und hantierten mit großer Sorgfalt. Plötzlich trat der Wachkommandant
zur Seite und gab den Weg frei. Illushin und Karlenkow gingen ohne zu
Zögern an den Geschützeinheiten vorbei und betraten den Thronsaal.
Eine virtuelle Stimme kündigte den General als obersten Befehlshaber
der Streitkräfte an. Illushin und Karlenkow knieten auf der metallenen
Fläche vor dem Steg nieder und senkten den Kopf. Illushin stand wieder
auf, steckte einen kleinen Stab in einen Metallsockel, der aus dem Boden
ragte, stellte sich dann aufrecht hin, mit erhobenem Haupt. Karlenkow
ließ den Kopf ehrfürchtig gesenkt. Illushin sah vorne im Sarkophag
den Sonnenvater. Ein teilweise verwest erscheinender Körper, von
dem nur die Fingerspitzen und ein Teil des Halses zu sehen waren. Das
Gesicht befand sich hinter einer Maske, und diese verschwand zusammen
mit den Kabeln und Schläuchen unter der tief über den Kopf gezogenen
Kapuze des weiten Umhangs. Der Sonnenvater war halb tot. Er wurde mit
allen verfügbaren Techniken am Leben erhalten, und vegetierte in
seinem goldenen Käfig vor sich hin. Doch er war immer noch unumschränkter
Herrscher des Landes, halb Gott, halb Vaterfigur, seine Macht beruhte
auf Terror und Religion. Er war Oberhaupt von Kirche und Staat und trat
dem Volk gegenüber als Gott auf, der auf die Erde kam, um im großen
Krieg den Sieg und das Ende herbeizuführen. Man sagte ihm spirituelle
Kräfte nach. Für Illushin war es zumindest offensichtlich, dass
er über starke psychologische Kräfte verfügte. Viele Menschen
glaubten wirklich an diesen Gott. Überall wurde seine Präsenz
durch Propaganda aufrecht gehalten. Illushin hatte diese Strategie lange
analysiert und Vergleiche aus der Geschichte der Menschheit gesucht. Er
selbst war noch ein Kind, als der Sonnenvater die Macht übernahm.
Damals hatte dieses neue religiöse Regime inmitten des Krieges einen
guten Moment der Verzweiflung und Depression ausgenutzt und die vom Volk
verhasste Regierung geputscht. Der Einfluss, den der Sonnenvater auf die
Menschen hatte, war enorm. ... Weg über das Hochland / Ainoa Yuri konnte die Strahlung spüren. Ein leises Knistern auf seiner Haut. Er bekam Angst. So nah war er noch nie an einen Klasse A Strahlenherd herangekommen. Neben dem Hochland von Torn gab es noch fünf andere bekannte Gebiete mit einer derart hohen Kontamination: Die Berge von Ver Gras, die nördlichen Eisfelder östlich von Go, die beiden Ebenen Dup und Ibuat und die Salzwüsten von Dekabe. Der verseuchte Teil des Hochlands von Torn war die kleinste dieser Zonen und erstreckte sich dennoch über mehrere hundert Kilometer durch die Gebirgslandschaft. Charakteristisch für dieses Areal war jedoch, dass es langgezogen und an manchen Stellen sehr schmal war. Die längliche Form der Zone hatte ihren Ursprung in der ehemaligen Frontlinie der Tuk-Gefechte, die hier direkt durch die 6000er führte. Bevor die Linie überrannt wurde, wurde sie in monatelangen, intensiven Bombardements bis zum Zusammenbruch aufgeweicht. Yuris Plan war es, die Zone an einer der schmalen Stellen zu überschreiten. Er sah darin seine einzige Chance, und er wusste, dass eine Abweichung der Marschroute von wenigen Grad seinen Weg um genau die Stunden verlängern könnte, die ihm das Leben kosten würden. Er mühte sich den letzten Pass vor dem Anfang der Zone hoch. Ainoa zeigte keinerlei Anstrengung. Sie stapfte ihm munter hinterher, lief immer wieder auf, es schien, als wäre ihr die Schrittgeschwindigkeit zu langsam. Yuri konnte nicht schneller. Er keuchte heftig und schwitzte, als er die starke Steigung bewältigte. Vor seinen Augen tauchte ein Mahnmal auf. Ein langer Pfahl, der auf der Spitze des Passes in den Fels gerammt war. Von dem Pfahl waren Seile zu den Seiten gespannt, und auf den Seilen waren kleine bunte Gebetsfahnen mit Quon - Schriftzeichen aufgeknüpft. An dem Pfahl war die verweste Leiche eines Soldaten gebunden. Es roch nach Tod. Yuri blieb in einiger Entfernung vor dem Mahnmal stehen und begann, seinen Rucksack auszupacken. Nun wusste er zumindest, dass er auf dem richtigen Weg war. Ainoa stand abseits und starrte gebannt auf die Leiche. Sie beobachtete die kleinen gepanzerten Insekten, die durch den ausgehöhlten Schädel surrten. Dann blickte sie unsicher hinüber zu Yuri, der sich gerade mit einiger Mühe eine alte Atemschutzmaske über den Kopf zog, deren Form an den Schädel einer Fliege erinnerte. Von der Maske führte ein Gummischlauch durch mehrere kleine Filterpakete hindurch in einen Metalltornister. Darüber zog Yuri einen grünen Mantel aus Kafal an, ein sehr leichtes, extrem widerstandsfähiges Material, das von der Armee zum Strahlenschutz verwendet wurde. Er dichtete die Ränder und Bünde des Mantels und der Maske mit einer ölartigen Paste ab und warf sich den Rucksack über die Schulter. Nach kurzer Zeit wurde er unter der Maske nervös. Er fühlte sich wie lebendig begraben, die kleinen Sichtfenster waren zerkratzt und erlaubten ein nur sehr beschränktes Blickfeld. Yuri hatte in der Armee oft in solchen Anzügen trainiert, in diesem tragbaren Sarg durch einen Klasse A Strahlenherd zu wandern war aber eine eigene Geschichte. Yuri begann seinen Weg und stapfte an dem Mahnmal vorbei. Als er sich umdrehte, merkte er, dass Ainoa ihm nicht folgte. Sie stand wie versteinert da und blickte ängstlich in seine Richtung. Yuris Worte hallten dumpf aber voll Verständnis durch die Atemschutzmaske. "Komm schon. Die Strahlung tut dir nichts. Du wirst wahrscheinlich ohnehin mit Kernenergie betrieben." Yuri drehte sich um und marschierte los. Ainoa zögerte noch einen Moment lang, folgte dann dem kleinen, einpackten Männchen in die verseuchte Zone. Die Belastung war größer, als Yuri es gedacht hatte. Nach wenigen Stunden wurde ihm schwindlig und übel. Der dünne Luftstrahl, der durch die vielen Filter in seinen Mund gelangte, schmeckte nach Blei und reichte gerade aus, um ihn am Bewusstsein zu halten. Er hatte Mühe, einen Fuß vor den anderen zu setzen, und die schwere Maske machte es ihm nicht leichter, während des schwierigen Aufstiegs das Gleichgewicht zu halten. Yuri geriet in Panik. Hier zu sterben war wohl der schlimmste aller bisher möglichen Tode. Die Strahlung tötet langsam. Sie hält dich fest und betäubt dich wie eine Spinne, um dich dann langsam auszusaugen. Die Quon-Nomaden glaubten daran, dass eine Seele, die in der Strahlung stirbt, auf ewig in der Hölle gefangen ist und nie erlöst wird. Yuri versuchte einen Moment lang, sich diese Unendlichkeit vorzustellen, und kam zu dem Schluss, dass er darauf überhaupt keine Lust hätte. Wenige Schritte später wurde er ohnmächtig. Ainoa schaute verdutzt drein, als Yuri vor ihr wie ein Stück Holz auf dem Felsboden aufschlug. Sie blieb eine Weile mit traurigem Gesicht stehen und beobachtete den leblosen Körper. Inmitten der unendlichen Berglandschaft wirkten die beiden wie ein Nichts, der kleine Vorfall ließ die mächtigen, seit Jahrtausenden ruhenden Gebirgszüge völlig unbeeindruckt. Ainoa stolperte vorsichtig auf Yuri zu, beugte sich tief zu ihm hinunter und schnupperte. Ihre Augen drehten sich ein wenig, eine kleine Anstrengung war in ihrem Gesicht erkennbar, dann öffnete sie den Mund und krächzte unter großer Mühe und mit viel Überwindung ein gebrochenes "Y..u..ri". Keine Reaktion. Ainoa war enttäuscht. Sie richtete sich auf, um den Schaden nochmals im Ganzen zu betrachten. Plötzlich spürte sie etwas. Eine der vielen, kleinen, verschlossenen Metallkugeln in ihrem Herzen öffnete sich wie eine Blume. In einem dunklen Herz war von einem Moment auf den anderen etwas Helles, Farbenfrohes zum Vorschein gekommen. Ainoa interpretierte die wenigen Elemente und Informationen, die in ihrem unmittelbaren Bewusstsein waren und verstand einen Zusammenhang. Und aus dem ersten folgte ein zweiter. Und der führte zu zwei neuen. Der Horizont brach auf wie ein Ungetüm und blitzte gleißend und hundertfach in ihre kleine Seele. Nach wenigen Augenblicken hatte sie ein Muster aus verschiedenen, beweglichen aber miteinander verknüpften Pfaden vor Augen. Die einzelnen Pfade waren belegt mit Informationen, die Ainoa bisher wahrgenommen hatte, aber nicht verarbeiten konnte. Yuri muss zur Anhöhe von Torn Lev Er muss das Hochland überqueren, und davor hat er Angst Ainoa spürte Yuris Wärme. Und sie spürte, dass diese Wärme abnahm. Das machte ihr Angst. Sie rechnete diese Veränderung weiter hoch und kam zu dem Schluss, dass Yuri sterben würde, wenn er hier liegen bliebe, und dass er leben könnte, wenn er sein Ziel erreichen würde. Ainoa fasste ihren ersten Entschluss. Sie stellte sich vor seinem Kopf auf, packte ihn an den Armen und schleifte ihn eine zeitlang hinter sich her. Das Vorwärtskommen gestaltete sich in dieser Form sehr schwierig, darum versuchte Ainoa es nach wenigen Schritten mit einer anderen Tragehaltung. Sie zog Yuri über ihre Schultern hoch, drehte sich, sodass er auf ihrem Rücken lag, und hielt seine Hände fest vor ihrer Brust verschränkt. Sie zog ihn so weit hoch, dass er im Gleichgewicht auf ihr lag und versuchte dann, einige Schritte zu gehen. Sein Gewicht war nur ein statisches Problem für sie. Ihre anatomischen Strukturen waren sehr stabil, ihre Muskeln überdurchschnittlich stark. Diese Kraft war ein Teil des Verteidigungsmechanismus des Swjet. Dr. Kerensky war ursprünglich dagegen, aus den Androiden Muskelpakete zu machen, doch seine militärischen Auftraggeber waren in diesem Punkt stur. Es war eine der wenigen Vorgaben, die der L3 Serie gemacht wurden. Nichts von all dem war Ainoa bewusst. Sie hatte gerade ihren ersten kleinen Plan gefasst, nämlich ein Weg von A nach B. Während des gesamten Weges hinterfragte sie die Entscheidung und versuchte zu verstehen, was der Auslöser dafür war. Je länger sie ging, desto stärker spürte sie die Verbindung zu Yuri, mit jedem Schritt wurde sie glücklicher und die kleine Blüte in ihrem Herzen würde größer. |
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